Das Handicap im Golf ist eine Kennzahl, die die ungefähre Spielstärke eines Golfers beschreibt. Verschieden hohe Handicaps können gegeneinander aufgerechnet werden, so dass ein Wettbewerb „auf Augenhöhe“ auch zwischen Golfern unterschiedlicher Spielstärke möglich wird.

So steht es auf Wikipedia, und so ist das Ganze ursprünglich auch gedacht. Anders als in anderen Sportarten, in denen die Wettkämpfe nach Altersklassen, Spielstärken und Geschlechtern getrennt werden müssen, sollen beim Golf alle miteinander und gegeneinander antreten und sich im sportlichen Wettkampf vergleichen können – alles dank des Handicaps! Das klappt, abgesehen von einigen Einschränkungen, erstaunlich gut.

Neben der eigentlich vorgesehenen Funktion spielt das Handicap aber im täglichen Golferleben ja auch noch andere Rollen.

Viele Golfer tragen ihr Handicap, den „Nachweis“ ihres golferischen Könnens, wie eine Auszeichnung vor sich her. Das Stammblatt reiht sich dabei nahtlos in den klassischen „mein Haus, mein Auto, mein Boot“ Vergleich ein. Die Extremform hiervon dürfte wohl das darstellen, was in den englischsprachigen Gegenden der Welt als „Vanity Handicap“ bezeichnet wird. Dabei wird, nicht zwingend unter strikter Einhaltung der Golfregeln und ganz sicher nicht im Sinne des Erfinders, das Handicap aus Eitelkeit mit aller Gewalt auf einen möglichst niedrigen Wert gebracht, um im Clubhaus beim „virtuellen Wettspiel“ möglichst weit vorne zu liegen

Das Gegenteil zum „Vanity Handicapper“ ist wohl der sogenannte „Sandbagger“ oder „Bandit“, also ein Spieler, der sein Handicap künstlich hoch hält, um dann, in mit attraktiven Preisen ausgestatteten Turnieren oder beim privaten Zocken, nach einer „überraschend“ guten Runden ordentlich abzusahnen.

Wem, wie mir selbstverständlich, Eitelkeit und Unehrlichkeit vollkommen fremd sind, der nutzt das Handicap vielleicht noch zu einem weiteren Zweck: als Messgröße für die eigenen Leistung bzw. Leistungsentwicklung. Leider fängt an diesem Punkt auch ein bisschen das Thema „Ärgernis“ an. Das Handicapsystem ist dafür ausgelegt, einen relativ stabilen Status mit geringen Schwankungen und nur inkrementellen Veränderungen abzubilden. Bei größeren Veränderungen, wie es sie, gerade bei Anfängern mit einem gewissen Maß an Talent und Fleiß, durchaus des Öfteren gibt, versagt das System bzw. kommt einfach nicht hinterher, weshalb dann wiederum der Spieler eine Zeitlang seinem Handicap „hinterherlaufen“ muss, bis das Handicap wieder einigermaßen seine Spielstärke widerspiegelt.

Gerade das deutsche System ist hier besonders schwerfällig, da jeder Anfänger mit der Platzreife erstmal mit der Clubvorgabe -54 ausgestattet wird (ob und wie sehr sich hier 2016 etwas ändern wird, wenn das erste Handicap im Turnier erspielt werden muss, wird sich zeigen).
Dass es deutlich anders geht zeigt das Beispiel England. Hier muss jeder Neuling, der gerne ein Handicap hätte, zunächst drei „Supplementary Cards“ (vergleichbar den deutschen EDS Runden) über 18 Löcher (oder eine Kombination von 18- und 9-Loch Runden über insgesamt 54 Löcher) einreichen. Gezählt wird dann die beste (!) der drei Runden, aber erst, nachdem die Ergebnisse der einzelnen Löcher auf schlechtestenfalls Double-Bogey gerundet wurden. Das schlechteste so erspielbare Handicap liegt dabei bei -28.

Auf Nachrichten, dass sich ein Anfänger in seinem ersten Turnier um eine zweistellige Anzahl von Schlägen unterspielt und damit überlegen seine Handicapklasse gewonnen hat, wartet man daher in England wohl vergebens.

Zurück nach Deutschland bzw. zu mir. Aufgrund des beschriebenen „Hinterherhinkens“ des Handicap hinter der Leistungsentwicklung tue ich mir aktuell schwer, mein Leistungsvermögen einzuschätzen. Mein Heimatplatz ist ein relativ einfacher 9-Loch Platz, die Bruttoergebnisse sind also auch nur bedingt aussagekräftig. Game Golf berechnet (wie genau, weiß ich nicht, aber wohl in Anlehnung an das US System) mein Handicap aktuell auf knapp unter -20. Sollte das stimmen müsste ich mich von meinem aktuellen, offiziellen Handicap von -27,2 um insgesamt knapp 20 Schläge unterspielen, um mein Handicap meiner tatsächlichen Spielstärke anzupassen. Vorausgesetzt, ich schaffe es jedes einzelne Mal, mein volles Potenzial im Turnier auf den Punkt abzurufen, benötige ich dafür wohl mindestens sechs bis sieben (9-Loch) Turniere. Mit kleineren „Aussetzern“, selbst ohne Verschlechterung, entsprechend länger.

Ich fände es einfach schön, einen „Reibungspunkt“ zu haben, an dem ich meinen Fortschritt messen kann oder mich auch mal bei einem Wettspiel – ob Turnier oder Matchplay – über einen Sieg freuen können ohne das schale Gefühl, dass ich den Sieg möglicherweise nicht meiner eigenen Leistung sondern dem mangelhaften Handicapsystem zu verdanken habe.